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Liebe auf den ersten Blick: Gibt es sie wirklich?

Gibt es die Liebe auf den ersten Blick wirklich? Mythos oder Wirklichkeit – selbst die Wissenschaftler sind sich da nicht einig. Die einen sprechen von Hormonen, die anderen von Schicksal und Seelenverwandtschaft. An beidem ist, in gewisser Weise, etwas dran. Liebe auf den ersten Blick gibt es streng genommen nicht, intensive Anziehung und daraus entstehende langfristige Partnerschaften allerdings sehr wohl.

Liebe auf den ersten Blick © Gettyimages

In jedem Freundeskreis gibt es dieses eine Paar, das sich bei der Frage nach dem Kennenlernen verliebt anstrahlt und antwortet: "Es war Liebe auf den ersten Blick!". Sie scheinen füreinander bestimmt, verstehen sich oft auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch, teilen Hobbys und Lebensziele – sie sind das leuchtende Vorbild, dem man nur zu gerne folgen möchte. Ist ihr Geheimnis tatsächlich die "Liebe auf den ersten Blick"?

Manche Beziehungsexperten sprechen davon, dass gut ein Drittel bis zur Hälfte aller Beziehungen auf diesem magischen Moment beruhen soll. Wissenschaftlich belegbar ist das leider nicht.

Match per Blick: Liebe auf den ersten Blick in der Wissenschaft

Niederländische Wissenschaftler haben erst vor ein paar Jahren untersucht, wie das mit der spontanen Liebe ist. Ihr Urteil: Von Liebe kann kaum die Rede sein. Viel eher sei es eine besonders heftige Anziehungskraft, die binnen Millisekunden darüber entscheidet, ob man sich zu jemandem hingezogen fühlt. Ist es beiderseitig, wird der Beziehung viel eher eine echte Chance eingeräumt. In späteren Erzählungen sprechen Paare dann überdurchschnittlich häufig von der Liebe auf den ersten Blick.

Untersucht wurde das beim Speeddating mit rund 400 Personen, die anschließend ihre Gefühle beschreiben sollten. So ernüchternd es klingt, bringt es doch einige wichtige Einsichten:

  • Liebe entsteht erst im Laufe der Zeit
  • spontane Anziehung und Verliebtheit setzen dagegen sofort ein
  • beiderseitige Anziehung ist ein guter Indikator für folgendes Beziehungsglück

Was hatten die Probanden der Studie erlebt? Vor allem das, was auch Verliebte berichten, wenn sie ihr Kennenlernen beschreiben: Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch, eine starke Anziehung zum Gegenüber und spontan das Gefühl, den "Einen" bzw. die "Eine" vor sich zu haben.

Rein wissenschaftlich betrachtet ist es vor allem eine Mischung aus Duftstoffen (Pheromonen), Hormonen und der subjektiven Attraktivität des Gegenübers, die diese erste umwerfende Anziehung ausmacht. Neurologen führen das auf eine nur einen Wimpernschlag dauernde Einschätzung des Gegenübers auf Gesundheit und Fruchtbarkeit zurück. Wer grundsätzlich geeignet zu sein scheint, mit den eigenen Genen möglichst gesunden Nachwuchs zu erzeugen, der wirkt attraktiv. In der Studie wurden außerdem die Personen im Speeddating bevorzugt, die den Befragten besonders ähnelten – ein bisschen Egoismus könnte also ebenfalls eine Rolle spielen.

Dieses ursprüngliche Programm unseres Gehirns, einen Partner oder eine Partnerin möglichst nur nach der optimalen Fortpflanzung auszuwählen, wirkt tief – und ist trotzdem ein wenig überholt. Längst kann man sich bewusst gegen Kinder entscheiden oder gleichgeschlechtliche Partner wählen, ohne dass dies das Aussterben der Menschheit zur Folge hätte. Entsprechend ist man der ersten Anziehung alles andere als hilflos ausgeliefert. Verliebtheit und sexuelle Anziehung lassen sich ganz rational verdrängen, bis das hormongesteuerte Feuerwerk im Kopf schwindet. Andersherum lässt es sich aber auch nicht erzwingen, so gern man sich auch in den besten Freund oder die beste Freundin verlieben möchte.

Was Liebe ausmacht: Vertrauen, Gemeinsamkeiten, Alltag

Im Gegensatz zur schnellen Verliebtheit und der spontanen Anziehung entsteht Liebe eigentlich erst im Laufe der Zeit. Man kennt sich, mag sich, schätzt das Gegenüber. So kann es passieren, dass Kollegen plötzlich Gefühle füreinander entdecken. Oder dass sich Freundschaften langsam in etwas anderes Neues verwandeln. Liebe auf den zweiten Blick oder „slow love“ nennen die Experten das. So entstandene Beziehungen basieren auf einer oft langjährigen Vertrautheit und bringen viele Gemeinsamkeiten mit.

Zeit ist hier ein wichtiger Faktor, denn die erste Verliebtheit weicht nach einigen Monaten, um den Blick auf die ganz normalen und sehr realen Schwächen des Partners/der Partnerin möglich zu machen. Die erhöhten Dopamin- und Serotoninwerte aus der Verliebtheitsphase schwinden, Normalität kehrt ein.

In dieser Beziehungsphase trennen sich viele Paare wieder, zu groß scheinen die Hindernisse, die unterschiedlichen Erwartungen an die Partnerschaft oder auch die Lebensziele zu sein. Ein kleinerer Anteil macht sich stattdessen daran, auch trotz der kleinen störenden Details an der Beziehungsgrundlage selbst zu arbeiten. Vor allem diejenigen, die sich schon als Freunde kannten und schätzten, investieren eher die Zeit, intensiv an einer Partnerschaft zu arbeiten. Denn Liebe, darin sind sich vor allem Psychologen einig, lässt sich bewahren und muss gepflegt werden. Kommunikation ist hier das Schlüsselwort, denn wenn Paare nicht mehr miteinander reden können, bedeutet das oftmals das Aus für die Beziehung.

Spontane Verliebtheit: Und wenn es doch wahr ist?

Nun ist also wissenschaftlich belegt, dass Liebe auf den ersten Blick gar nicht existiert. Muss man sich also von der romantischen Idee der spontanen Liebe verabschieden?

Nicht wirklich, denn trotz allem gibt es Paare, die vom ersten Augenblick an wie füreinander geschaffen zu sein scheinen. Sie beschreiben ihren Start in die Liebe meist so:

  • „Ich habe ihn/sie angesehen und sofort gewusst: Das ist es jetzt!“
  • „Da war von Anfang klar, ihn/sie oder keine/n, das durfte ich nicht kaputtmachen.“
  • „Dieses Kribbeln im Bauch, direkt vom ersten Blickkontakt an.“

Die Liebe dieser Paare kann offenbar auch später nichts erschüttern. Krisen existieren in jeder Partnerschaft, trotzdem scheinen Beziehungen von zwei Menschen, die sich vom ersten Augenblick an wie füreinander geschaffen fühlten, krisenresistenter zu sein. Sie bewältigen schwierige Zeiten besser als andere. Die Basis von geteilten Gemeinsamkeiten, Lebenszielen und Wertvorstellungen hilft dabei.

Mythos & Wirklichkeit: Ist Liebe (un-)abwendbar?

In romantischen Filmen ist nicht selten die Liebe erst unerwidert, bevor zwei dann doch noch zueinander finden. Im echten Leben kommt es ebenfalls vor, dass sich nur einer spontan verliebt – und mit dieser einseitigen Verliebtheit zurechtkommen muss. Manchmal lässt sich die Liebste oder der Liebste letztendlich gewinnen: Man lernt sich besser kennen, verbringt Zeit miteinander, spricht die eigenen Gefühle offen an. Mit etwas Glück erwächst daraus eine Beziehung, bei der nur einer das Gefühl der Liebe auf den ersten Blick erlebte, während sich die Liebe beim Partner erst langsam und gemächlich einstellte.

In anderen Fällen steht von vorneherein fest: Es gibt kein Happy End. Vielleicht hat der oder die Angebetete längst eine Beziehung. Oder ein offenes Gespräch zeigt deutlich, dass beim Gegenüber höchstens freundschaftliche Gefühle bestehen. Was dann bleibt, ist die eigene unerwiderte Verliebtheit. Psychologen und Beziehungscoaches raten dazu, sich ganz bewusst zu „entlieben“, indem

  • der Kontakt soweit wie möglich abgebrochen oder eingeschränkt wird
  • bewusst Ablenkung gesucht wird – durch Sport, Arbeit oder andere Freizeitaktivitäten
  • gemeinsame Freundeskreise kurzzeitig gemieden oder aktiv neue Freunde gesucht werden

Das Ziel dahinter: Die Wirkung des vermeintlichen Traummannes/der vermeintlichen Traummfrau durch fehlenden Kontakt abzuschwächen. Aus den Augen aus dem Sinn – ganz so einfach geht es zwar nicht, aber sieht man ihn/sie längere Zeit nicht, nimmt die Ausschüttung von Hormonen im Gehirn ab, die den Verliebtheitsmoment und die Anziehungskraft verstärken. Und irgendwann ist die einseitige Liebe auf den ersten Blick dann tatsächich verpufft ...

Auch wenn wissenschaftlich gesehen die Liebe auf den ersten Blick nicht existiert, die spontane Anziehung zwischen zwei Menschen gibt es sehr wohl: Ein Blick genügt und schon fängt das Herz an zu rasen, die Knie werden weich und der Kopf schwindelig. Die plötzliche Verliebtheit gleicht einer Achterbahnfahrt, die allerdings nicht im Herzen startet, sondern im Gehirn. Und manchmal führen genau diese körperliche Anziehung und der Rausch der Hormone zu einer glücklichen, langfristigen Partnerschaft.

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